Band 1 des Shōbōgenzō enthält die Kapitel 1 bis 21 sowie das Fukan zazengi.
Im Folgenden finden Sie kurze, zusammenfassende Einführungen in die einzelnen Kapitel.



1 • Bendōwa 弁道話 • Ein Gespräch über die Praxis des Zazen

Ben bedeutet «streben», «Weg» oder «Wahrheit», und wa «Gespräch». Bendō wird im Shōbōgenzō fast immer als Umschreibung für die Praxis des Zazen gebraucht. So bedeutet bendōwa zwar wörtlich «ein Gespräch über das Streben nach der Wahrheit», aber im weiteren Sinn geht es in diesem Kapitel um «ein Gespräch über die Praxis des Zazen». Diese Schrift war in der ers­ten Ausgabe des Shōbōgenzō nicht enthalten. Sie wurde während der Ära Kanbun (1661–1673) in Kyōto gefunden und dem Shōbōgenzō hinzugefügt, als Meis­ter Han-gyō Kozen in der Ära Genroku (1688–1704) die aus 95 Kapiteln bestehende Ausgabe zusammenstellte.




2 • Makahannya haramitsu 摩訶般若波羅密 • Die Pāramitā der großen Weisheit

Maka entspricht sanskr. «mahā», «groß», und hannya ist sanskr. «prajñā», das etwa mit «alles umfassende intuitive Weisheit» übersetzt werden kann. Haramitsu ist in Sanskrit «pāramitā», wörtl. «das Erreichen des anderen Ufers» oder «die Verwirklichung der Wahrheit». Makahannya haramitsu ist also die Übertragung von sanskr. «mahāprajñā­pāramitā», d. h. «die Pāramitā der großen Weisheit». In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen seine Auslegung des Prajñāpāramitā-Hṛdaya-Sūtras. Hṛdaya bedeutet «Herz». Dieses kurze Sūtra, das auch «Herz-Sūtra» genannt wird, ist das Herz oder die Essenz der sechshundert Bände des Mahāprajñāpāramitā-Sūtras. Obwohl es sehr kurz ist, enthält das Herz-Sūtra das wichtigste Prinzip der Bud­dha-Lehre. Dieses Prinzip – Prajñā oder wahre Weisheit – ist eine intuitive Fähigkeit, die alle Menschen haben und im täglichen Leben benutzen, und die sich offenbart, wenn sich Körper und Geist im harmonischen Gleichgewicht befinden. Im Allgemeinen denken wir, Weisheit beruhe auf Wissen und Kenntnissen, aber im Bud­dha-Dhar­ma basiert weises Handeln nicht auf dem Intellekt, sondern auf der Intuition. Die richtigen Entscheidungen im Leben werden im richtigen Zustand von Körper und Geist getroffen. Dieser Zustand ist dann gegeben, wenn Körper und Geist ausgeglichen und harmonisch sind. Mahāprajñāpāramitā ist also die Weisheit, die wir haben, wenn unser Körper und unser Geist im Gleichgewicht sind. Zazen ist die Praxis, durch die wir, unmittelbar und intuitiv, diesen Zustand des Gleichgewichts erfahren können. «Die Pāramitā der großen Weisheit» ist aus diesem Grund die Essenz des Zazen.




3 • Genjō kōan 現成公案 • Das verwirklichte Universum

Genjō bedeutet «verwirklichen». Kōan bedeutet wörtlich «öffentlicher Aushang» und ist die Abkürzung von kōfu no antoku, das heißt Anschlagtafeln, auf denen im alten China neue Verordnungen der Allgemeinheit bekannt gemacht wurden. So hat kōan hier die Bedeutung von «Prinzip», «Ordnung» oder im weiteren Sinn «die universelle Gesetzmä­ßigkeit». Der Bud­dha-Dhar­ma verwirklicht sich in der gelebten Übereinstimmung mit die­ser Gesetzmäßigkeit, die das Leben jedes Einzelnen wie auch des gesamten Universums trägt und durchdringt. «Das verwirklichte Universum» bedeutet also nichts anderes für den Menschen, als in dieser Welt der Phänomene im Einklang mit dem ­universellen Gesetz (Dhar­ma oder Wirklichkeit als solche) zu sein und in direkter Verbindung mit dem Dhar­ma zu leben und zu handeln. In der aus 75 Kapiteln bestehenden Ausgabe des Shōbōgenzō steht dieses Kapitel am Anfang. Daraus können wir seine große Bedeutung ersehen.




4 • Ikka no myōju 一顆明珠 • Eine leuchtende Perle

Ikka bedeutet «eine», myō «leuchtend» und ju «Perle». So bedeutet Ikka no myōju «eine leuchtende Perle». In diesem Kapitel legt Meis­ter Dōgen seine Sicht der Worte von Meis­ter Gensa Shibi, «Das Universum in den zehn Himmelsrichtungen ist eine leuchtende Perle», dar, die die strahlend leuchtende Natur des Seins beschreiben. Meis­ter Dōgen schätzte Meis­ter Gensas Worte so sehr, dass er sie in diesem Kapitel sehr eingehend kommentiert.

5 • Jū-undō shiki 重雲堂式 • Regeln für die Halle der schweren Wolke

ū-undōJ, «die Halle der schweren Wolke», war der Name der Zazen-Halle des Klos­ters Kannondōri-kōshō-hōrin. Shiki bedeutet «Regel» oder «Maßstab». So bedeutet Jū-undō shiki «Regeln für die Halle der schweren Wolke». Das Kannondōri-kōshō-hōrin-ji war das ers­te von Meis­ter Dōgen gegründete Kloster. Es wurde 1233, einige Jahre nach seiner Rückkehr aus China, in der heutigen Präfektur Kyōto errichtet, und Jū-undō war die erste ausschließlich für die Praxis des Zazen erbaute Halle in Japan. Meister Dōgen legte hierfür seine Richtlinien fest und nannte sie Jū-undō shiki. Diese Schrift war in der 75 Kapitel umfassenden Ausgabe des Shōbōgenzō nicht enthalten, wurde aber Ende des 17. Jahrhunderts, als die aus 95 Kapiteln bestehende Ausgabe zusammengestellt wurde, hinzugefügt. Tatsächlich trägt dieses Kapitel zum tieferen Verständnis des Shōbōgenzō bei, da es in sehr konkreter Weise Meis­ter Dōgens Vorstellung von den Regeln einer Klos­tergemeinschaft zeigt.




6 • Soku shin ze butsu 即心是仏 • Der Geist hier und jetzt ist Bud­dha

Soku bedeutet «hier und jetzt», shin «der Geist» und ze «ist». Butsu ist «Bud­dha». Soku shin ze butsu war ein berühmter, viel zitierter Satz im chinesischen Buddhismus. Aber viele haben diesen «Geist, der Buddha ist» zu abstrakt und idealistisch interpretiert. Wie schon in Kapitel 1 widerlegt Meis­ter Dōgen hier die Anschauung, dass «der Geist» eine den Tod überdauernde Wesenheit sei. Und er legt auch dar, dass «Bud­dha» nicht das Bewusstsein und die Sinne der gewöhnlichen Menschen ist. «Der Geist hier und jetzt ist Bud­dha» muss im Bud­dha-Dhar­ma konkret und unmittelbar in der Praxis des Zazen und im täglichen Leben verwirklicht werden. Mit anderen Worten, «der Geist hier und jetzt ist Bud­dha» bedeutet nicht, an etwas Abstraktes oder nur Spirituelles zu glauben, was «der Geist» genannt wird, sondern der Satz bekräftigt ganz konkret diesen Augenblick «jetzt» und diesen Ort «hier» als die wahre Wirklichkeit. Nur wenn wir «hier und jetzt» leben, praktizieren und handeln, können wir von «Geist» oder von «Bud­dha» sprechen. In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen seine Auslegung von soku shin ze butsu.




7 • Senjō 洗浄 • Sich waschen und reinigen

Sen bedeutet «sich waschen» und «reinigen». So bedeutet senjō «sich waschen und reinigen». Das bud­dhis­tische Weltbild ist weder einseitig spirituell noch materialistisch geprägt. Es basiert auf dem Vertrauen in die kosmische Ordnung, die sowohl den geistig-spirituellen als auch den körperlichen Aspekt einer Sache umfasst. Da im Bud­dha-Dhar­ma Körper und Geist eins sind, geht das Waschen über die körperliche Reinigung hinaus, und deshalb ist es für Mönche und Nonnen eine wichtige religiöse Praxis, sich zu waschen, die Nägel zu schneiden und sich den Kopf zu rasieren. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen den tiefen Sinn dieser täglichen Verrichtungen und legt die Bedeutung der Reinigung des Körpers dar.




8 • Raihai tokuzui 礼拝得随 • Sich niederwerfen vor dem, der das Mark erlangt hat

Raihai bedeutet «sich niederwerfen», toku bedeutet «erlangen» und zui «das Mark» und im weiteren Sinn «die Wahrheit» oder «die Essenz des Bud­dha-Dhar­mas». So bedeutet raihai tokuzui, dass man sich vor jemandem niederwirft, der die Wahrheit erlangt hat. In diesem Kapitel lehrt Meis­ter Dōgen, dass der Wert eines Wesens davon abhängt, ob es die Wahrheit erlangt hat oder nicht, und er erklärt, dass sogar ein Kind, eine Frau, ein Dä­mon oder ein Tier wie z. B. ein wilder Fuchs verehrungswürdig sind, wenn sie in der Wahrheit leben. Diese Aussage gibt Meis­ter Dōgens uneingeschränkte Verehrung des Dhar­mas wieder und zeigt seine Sicht in Bezug auf Männer, Frauen und Tiere.

9 • Keisei sanshiki 谿声山色 • Die wirkliche Form aller Dharmas

Kei bedeutet «Tal» oder «Felsenschlucht», sei «Stimme» oder «Klang», san «Berg» und shiki «Form» oder «Farbe». So ist keisei sanshiki «die Stimme des Tales und die Form der Berge» – das heißt die Offenbarung der Phänomene in der Natur. Im Bud­dha-Dhar­ma drückt die physische Welt eine Seite der Wahrheit aus. Die Natur entspricht dem stofflichen Aspekt der Wirklichkeit, sie lehrt die Wahrheit unverfälscht und offenbart Tag für Tag die kosmische Ordnung. Daher spricht man im Bud­dha-Dhar­ma von jeher von der Stimme des Tales als Gautama Bud­dhas Lehre und von der Form der Berge als seinem rei­nen Körper. In diesem Kapitel beschreibt Meis­ter Dōgen auf poetische Weise, wie einige alte Meis­ter durch ihre direkte Erfahrung der ­Phänomene der Natur zur Wahrheit erwachten.




10 • Shoaku makusa 諸悪莫作 • Das Unrechte nicht tun

Sho bedeutet «alles» oder «vielfältig». Aku ist «das Unrechte» oder, im Sinn Dōgens, «ge­gen die kosmische Ordnung verstoßen». Maku bedeutet «nicht» oder «tu nicht». Sa ist «machen» oder «tun». Somit bedeutet shoaku makusa «das Unrechte nicht tun». Diese Worte stammen aus dem kurzen Gedicht «Das wichtigste Gebot der sieben Bud­dhas», das lautet: «Das Unrechte nicht zu tun, achtungsvoll das Rechte zu praktizieren, macht das Herz auf natürliche Weise rein. Dies lehren alle Bud­dhas.» Das Gedicht zeigt, wie eng die Bud­dha-Lehre mit der Ethik verknüpft ist. In diesem Kapitel geht es nicht darum, was wir im Allgemeinen tun oder nicht tun sollen, vielmehr erläutert Meis­ter Dōgen die reale Situation des Rechten und Unrechten in der Wirklichkeit des Jetzt, das heißt in dem Augenblick, wenn wir es «tun» oder «nicht tun». Wir Menschen können nur im gegenwärtigen Augenblick leben und handeln, und so ist das Rechte und Unrechte eine momentane und konkrete Sache des Tuns oder Nicht-Tuns. Wenn man das Unrechte (shoaku) «nicht tut», kann kein «Unrecht» entstehen, dann gibt es nur «Nicht-Tun» (makusa). Dasselbe gilt für das Rechte, welches erst dann wirklich exis­tiert, wenn man es tatsächlich «tut» oder «praktiziert». Manche Menschen vergessen dies und philosophieren in abstraktum über das Rechte und das Unrechte in dieser Welt. Ethik ist aber einfach, das Unrechte gar nicht erst zu tun und das Rechte zu praktizieren. Am Schluss des Kapitels zitiert Meis­ter Dōgen einen inhaltsreichen Dialog zwischen Meis­ter Chōka Dōrin und dem Dichter Kyo-i, der dokumentiert, wie schwer es ist, diese ganz reale Ethik in die Tat umzusetzen.




11 • Uji 有時 • Die Sein-Zeit

U bedeutet «Sein» oder «Existenz», ji ist «Zeit». So ist die Übersetzung von uji «die Zeit der Existenz oder des Seins» oder «die Sein-Zeit». In diesem Kapitel behandelt Meis­ter Dōgen die Zeit im Bud­dha-Dhar­ma. Die Bud­dha-Lehre befasst sich mit dem Dhar­ma oder der Wirklichkeit, so wie sie ist. Und nach Meis­ter Dōgen ist der gegenwärtige Augen­blick die einzige Wirklichkeit der Zeit. Zudem ist die Zeit mit unserem Sein und Tun vollständig verbunden. Sein und Tun «zeitigen» sich nur im Hier und Jetzt, das heißt ge­nau in diesem Augenblick. Während Vergangenheit und Zukunft vom Denken konstru­iert, also gedacht sind, exis­tiert unser wirkliches Sein nur im gegenwärtigen Augenblick. So können alle Dinge und Lebewesen nur in und durch die Zeit des Jetzt existieren, wie auch die Zeit sich nur als Sein und Tun im Jetzt verwirklichen kann: Dies ist die Sein-Zeit der Buddha-Lehre, und sie ist nichts anderes als der Dhar­ma oder die Wirklichkeit selbst. Die Lehre von der so verstandenen Zeit ist fundamental im Bud­dha-Dhar­ma. Das Sein im Bud­dha-Dhar­ma als Existenz im Augenblick unterscheidet sich also wesentlich vom Begriff des Seins in der westlichen Philosophie. Das Sein wird dort meist abstrakt und ohne Bezug zum Augenblick und zum Tun gedacht.




12 • Kesa kudoku 袈裟功徳 • Die Ver­diens­te des Kesa

Kesa ist die Übertragung von sanskr. kaṣāya, womit das traditionelle bud­dhis­tische Gewand bezeichnet wird, und kudoku bedeutet hier «Verdienst» oder «Tugend». Somit bedeutet Kesa kudoku «Die Ver­diens­te des Kesa». Im Bud­dha-Dhar­ma achten wir unser wirkliches Leben, das heißt die Handlungen, die wir jeden Tag ausführen. Deshalb ist es ein wesentlicher Bestandteil bud­dhis­tischer Praxis, wie wir unsere Kleidung tragen und die Mahlzeiten einnehmen. Das Kesa, das bud­dhis­tische Gewand, und das Pātra, die bud­dhis­tische Ess-Schale, sind daher auch seit dem Bud­dha die überlieferten, traditionellen Symbole des bud­dhis­tischen Lebens. In diesem Kapitel erklärt und würdigt Meis­ter Dōgen die Ver­diens­te derer, die das Kesa empfangen, tragen und bewahren.

13 • Den-e 伝衣 • Die Weitergabe des Gewandes

Den bedeutet «Weitergabe» und e «das Gewand». Der Inhalt dieses Kapitels ähnelt dem vorhergehenden Kapitel 12, «Kesa kudoku». Die Datumsangabe der beiden Kapitel ist zwar gleich, aber das Postskriptum der Kapitel unterscheidet sich. Beim «Kesa kudoku» heißt es: «Dargelegt vor einer Versammlung im Kloster Kannondōri-kōshō-hōrin», während bei diesem Kapitel, «Den-e», steht: «Niedergeschrieben im Kloster Kannondōri-kōshō-hōrin von dem Mönch Dōgen, der in das China der Song-Dynastie ging und [dort] den Dharma empfing.» Wir können daher annehmen, dass «Den-e» die schriftliche ers­te Fassung der Lehrrede ist, die Meis­ter Dōgen am 1. Oktober gehalten hat, und «Kesa kudoku» enthält die vollständige wirklich gehaltene Lehrrede, von der eine Abschrift erstellt wurde.




14 • Sansui gyō 山水経 • Das Sūtra der Berge und Wasser

San bedeutet «Berge», sui «Wasser», das heißt Flüsse, Seen, Ozeane usw. Sansui bedeutet also die Phänomene der Natur. Kyō (hier gyō ausgesprochen) bedeutet «Sūtra». So bedeutet Sansui gyō «das Sūtra der Berge und Wasser» oder «die Natur als ein buddhistisches Sūtra». Im Wesentlichen ist der Buddha-Dharma eine Lehre, die auf den Gesetzen des Universums beruht, und die Natur offenbart die wirkliche Form dieses Universums. Wenn wir die Berge und Wasser sehen, sehen wir Buddhas Lehre. Deshalb schildert Meis­ter Dōgen die Natur als ein buddhistisches Sūtra. In diesem Kapitel, das eines der schöns­ten literarischen Darlegungen des Shōbōgenzō ist, beschreibt Meis­ter Dōgen die Wirklichkeit der Berge und Wasser aus buddhistischer Sicht.




15 • Busso 仏祖 • Bud­dhas und Vorfahren

Butsu bedeutet «Bud­dha» und so «Vorfahre», also bedeutet busso «Bud­dhas und Vorfahren». Meis­ter Dōgen verehrte die Bud­dhas der Vergangenheit und schätzte die Weitergabe des Dhar­mas von Bud­dha zu Bud­dha außerordentlich. Mehr noch, er glaubte an den Fortbestand bud­dhis­tischer Gemeinschaften. Die ununterbrochene Kette von alten Meis­tern, die diese Bud­dha-Gemeinschaften führten, nimmt einen wichtigen Platz in Meis­ter Dōgens Denken ein, und so führt er in diesem Kapitel ihre Namen1 an. Damit bestätigt und bekräftigt er die au­then­ti­sche Überlieferung des Bud­dha-Dhar­mas und diejenigen, die sie aufrechterhalten haben.




16 • Shisho 嗣書 • Das Dokument der Nachfolge

Shi bedeutet «übertragung» oder «Nachfolge». Sho bedeutet «Dokument» oder «Urkunde». Obwohl der Buddha-Dharma die überlieferten Buddha-Lehren sind, ist der Dharma vor allem ein Weg der Praxis und Erfahrung. Ein Schüler wird daher die Wahrheit nicht verwirklichen können, wenn er nur die Schriften studiert und den Lehrreden seines Meis­ters zuhört. Es ist unbedingt notwendig, dass er aus nächster Nähe miterlebt, wie sein Meis­ter sich praktisch im täglichen Leben verhält. Wenn der Schüler diese konkrete Wirklichkeit erfahren und sie selbst im eigenen Leben verwirklicht hat, gibt der Meis­ter ihm eine Urkunde, in der er als Nachfolger und Dharma-Erbe eingesetzt wird. Dieses Dokument wird shisho genannt. Materiell besteht es aus einem Stück Stoff und Tinte. Da wir im Buddha-Dharma die Wirklichkeit, auch in ihren konkreten Formen, für wesentlich halten, werden solche Dokumente verehrt. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen diese Tradition und schildert seine Erfahrungen, als er solche Dokumente in Chi­na mit eigenen Augen sah.

17 • Hokke ten hokke 法華転法華 • Die Blume des Dharmas dreht die Blume des Dharmas

bedeutet «Dharma», «Wirklichkeit», «universelle Gesetzmäßigkeit» oder «das Universum selbst». Ke bedeutet «Blume», und somit ist hokke «die Blume des Universums». Der volle Titel des Lotos-Sūtras, Myōhō renge kyō (»Das Sūtra von der Lotosblume des wunderbaren Dharmas«), wird oft abgekürzt als Hokke kyō. Hokke bedeutet also «das wunderbare Universum» oder «die Wirklichkeit in ihrem Sosein», so, wie es im Lotos-Sūtra dargestellt wird. Ten bedeutet «drehen» oder «bewegen». Daher bedeutet hokke ten hokke aus Meis­ter Dōgens Sicht «die Blume, die selbst das wunderbare Universum ist, dreht die Blume, die das wunderbare Universum ist». Dies ist die buddhistische Sicht des Universums. In diesem Kapitel beschreibt Meis­ter Dōgen die Wirklichkeit und zitiert dazu viele Worte und Passagen aus dem Lotos-Sūtra. Die Botschaft dieses Sūtras ist: «Wie wunderbar ist doch dieses Universum, in dem wir jetzt leben.«




18 • Shin fukatoku 心不可得 (前) • Der Geist kann nicht erfasst werden (ers­te Version)

Shin bedeutet «Geist», fu drückt eine Verneinung aus, ka bedeutet «können» und toku «erfassen». Shin fukatoku, oder «Der Geist kann nicht erfasst werden», ist ein berühmtes Zitat aus dem Diamant-Sūtra. Wenn wir nachdenken, scheint es so, als ob unser Geist erfasst werden könne und irgendwo substanziell existieren würde. Diese Auffassung finden wir z. B. bei René Descartes, der seine philosophischen überlegungen mit der Prämisse «cogito ergo sum – ich denke, also bin ich» beginnt. Auch bei den deutschen Idealisten wie beispielsweise Kant, Fichte, Schelling und Hegel ist die Existenz des Geistes die Grundlage ihres philosophischen Denkens. Aber im Buddha-Dharma stützen wir uns nicht auf den sogenannten «Geist». Buddhas Lehre ist im Hier und Jetzt verankert und stellt das konkrete Tun und Handeln in den Mittelpunkt. Und im Tun gibt es keinen Geist, der getrennt von der Welt, die uns umgibt, existieren würde. Nach Meis­ter Dōgen IST der Geist selbst alle Dinge und Phänomene dieser Welt. Deshalb können wir kein Objekt mit dem Namen «Geist» erfassen, das unabhängig von den Dingen existiert. In diesem und dem nächsten Kapitel lehrt Meis­ter Dōgen mittels eines berühmten Dialogs zwischen Meis­ter Tokuzan Senkan und einer alten Frau, die Reiskuchen verkauft, dass der Geist als solcher nicht erfasst werden kann.




19 • Shin fukatoku 心不可得 (後) • Der Geist kann nicht erfasst werden (zweite Version)

In der 95 Kapitel umfassenden Ausgabe des Shōbōgenzō gibt es zwei Kapitel, die denselben Titel tragen, Shin fukatoku oder «Der Geist kann nicht erfasst werden». Im Allgemeinen unterscheiden wir die beiden Kapitel durch die Bezeichnungen «ers­te Version» und «zweite Version». Die beiden Kapitel haben denselben Inhalt, selbst wenn die Worte sich unterscheiden. Außerdem steht am Ende der beiden Kapitel dasselbe Datum, nämlich das Sommer-Training von 1241. Der einzige Unterschied ist, dass in der ers­ten Fassung «dargelegt vor einer Versammlung» steht, während in diesem Kapitel das Wort «niedergeschrieben» steht. Möglicherweise ist die ers­te Version eine Niederschrift der Lehrrede von Meis­ter Dōgen und die zweite Version der schriftliche Entwurf für seine Lehrrede an diesem Tag.




20 • Kokyō 古鏡 • Der ewige Spiegel

Der «ewige Spiegel» hat eine lange Geschichte im Buddha-Dhar­ma, weil das Bild oder die Metapher des Spiegels in verschiedenen Facetten benutzt wurde, um unterschiedliche Konzepte zu veranschaulichen. Anhand der Worte der alten Meis­ter geht Dōgen in diesem Kapitel auf verschiedene dieser Konzepte ein. Die Funktion eines Spiegels ist, das, was vor ihm erscheint, zu reflektieren bzw. wiederzugeben, und deshalb dient er als Metapher für den widerspiegelnden Geist, aber auch für die Intuition, die im Buddha-Dhar­ma Prajñā heißt, wörtl. «vor dem Wissen». Dies bezieht sich auf ein natürliches Wissen vor unseren Konzepten der Welt, und man kann sagen, dass es das Spiegeln der Welt ohne Störung ist. Allerdings spiegelt der «ewige Spiegel» nicht nur die Wirklichkeit, sondern er ist selbst die Wirklichkeit. Diesen Aspekt behandelt Meis­ter Dōgen anhand der Aussagen Meis­ter Seppōs. Der Ausdruck «Jeder Affe trägt einen ewigen Spiegel auf dem Rücken» bezeugt diese ungeteilte Wirklichkeit, in der wir leben. Anhand der Worte Seppōs: «Wenn die Weite der Welt eine Rute ist, ist die Weite des ewigen Spiegels eine Rute», macht Meis­ter Dōgen deutlich, dass es sich bei dem «ewigen Spiegel» um die konkrete Welt hier und jetzt handelt

21 • Kankin 看経 • Das Lesen der Sūtren

Kan bedeutet «lesen» und kin «Sūtra». In einigen buddhistischen Schulen wird das Lesen der Sūtren sehr hoch geschätzt, denn sie gehen davon aus, dass die Buddha-Lehre in ihnen erklärt wird und es möglich sei, sie allein durch das Lesen der Sūtren zu verstehen. Andere Schulen wiederum verwerfen das Lesen der Sūtren völlig. Sie sagen, dass man die Wahrheit dadurch nicht erlangen könne. Meis­ter Dōgen beschreitet auch hier den mittleren Weg. Einerseits verwirft er das Lesen der Sūtren nicht, das für ihn einer der Wege ist, um die Praxis zu verstehen, andererseits glaubt er nicht, dass man die Wahrheit allein dadurch verwirklichen kann. In diesem Sinn ist Meis­ter Dōgens Sicht sehr pragmatisch. Das Lesen der Sūtren beschränkt sich bei Dōgen nicht nur auf die geschriebenen Sūtren, sondern für ihn ist das ganze Universum ein Sūtra. In gleicher Weise ist das tägliche Handeln das Lesen unendlich vieler Sūtren, welches auch das Ein- und Ausatmen sowie das Umrunden des Podestes in der Zazen-Hal­le, auf dem der Meis­ter sitzt, umfasst. In diesem Kapitel zitiert und kommentiert Meis­ter Dōgen viele Aussagen alter Meis­ter über das Lesen der Sūtren.