Band 4 des Shōbōgenzō enthält die Kapitel 73 bis 95 und Anhänge.
Im Folgenden finden Sie kurze, zusammenfassende Einführungen in die einzelnen Kapitel.



73 • Sanjūshichibon bodai bunpō 三十七品菩提分法 • Die siebenunddreißig Faktoren des Erwachens

Sanjūshichibon bedeutet «siebenunddreißig». Bodai gibt das Sanskrit-Wort bodhi wieder, das «Erwachen» oder «Erkennen der Wahrheit» bedeutet. Bunpō bedeutet «Elemente» oder «Faktoren». So bedeutet sanjūshichibon bodai bunpō «die siebenunddreißig Faktoren des Erwachens». In diesen siebenunddreißig Faktoren des Erwachens wird praktisch die ganze buddhistische Praxis und Geistesschulung zusammengefasst. Sie gliedern sich in sieben Bereiche: 1. die vier Bereiche der Bewusstheit, 2. die vier Arten rechter Anstrengung, 3. die vier Pfeiler übernatürlicher Kräfte, 4. die fünf Wurzeln, 5. die fünf Kräfte, 6. die sieben Glieder des Erwachens und 7. den achtfachen edlen Pfad. Die siebenunddreißig Faktoren des Erwachens werden im Allgemeinen dem frühen Buddhismus (Hīnayāna) zugeschrieben, da sie im Abhidharma aufgelistet und besprochen werden, das eine der grundsätzlichen Abhandlungen des Hīnayāna ist. Meister Dōgen hatte jedoch seine eigene Sicht des Hīnayāna und Mahāyāna. Für ihn gab es nur einen einzigen Buddha-Dharma, den Gautama Buddha gelehrt hat. Und so schlägt Meister Dōgen in diesem Kapitel eine Brücke zwischen Hīnayāna und Mahāyāna, indem er die siebenunddreißig Faktoren des Erwachens auf der gemeinsamen Grundlage der Praxis des Zazen erläutert.




74 • Tenbōrin 転法輪 • Das Drehen des Dhar­ma-Rades

Ten bedeutet «drehen», «der Dhar­ma» oder «Bud­dhas Lehre». Rin ist «das Rad» – cakra in Sanskrit. Im alten Indien war der cakra ein Rad mit spitzen Speichen, das als Waffe benutzt wurde. Deshalb wurde das Drehen des Rades von Bud­dhas Lehre dem Drehen des cakra gleichgesetzt, denn es dreht sich ständig und zerstört alle Illusionen. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen die Bedeutung und den Wert der Darlegungen von Bud­dhas Lehre. Zuerst zitiert er die Worte verschiedener Meis­ter, die sich in ihren Lehrreden auf ein Zitat aus dem Śūraṃgama-Sūtra beziehen, in dem gesagt wird, was geschieht, wenn «ein Mensch die Wahrheit enthüllt und zur Quelle zurückkehrt». Damit möchte Meis­ter Dōgen den Wert der Sūtren aufzeigen, die in China geschrieben wurden. Zu seiner Zeit sagten nämlich manche, dass nur die Sūtren, die in Indien geschrieben wurden, authentische bud­dhis­tische Schriften seien, während die in China übersetzten Sūtren nicht dem wahren Bud­dha-Dhar­ma entsprächen. Meis­ter Dōgens Sicht geht aber viel weiter: Er sagt, dass jeder Satz, den ein wahrer Meis­ter zitiert und erläutert, Bud­dhas Lehre wiedergibt, auch wenn er außerhalb Indiens geschrieben wurde. Auf dieser Grundlage erläutert Meis­ter Dōgen, dass Bud­dhas Lehre universell ist und überall und zu allen Zeiten von einem wahren Meis­ter dargelegt werden kann. Gleichzeitig betont er, dass nur jemand, der ein ganzes Leben lang Zazen praktiziert, das Dhar­ma-Rad drehen, das heißt Bud­dhas wahren Dhar­ma lehren kann.




75 • Jishō zanmai 自証三昧 • Der Samādhi der Selbst-Erfahrung

Ji bedeutet «selbst», shō «erfahren» und zanmai «Samādhi» oder «der Zustand des Gleichgewichts». So bedeutet jishō zanmai «der Samādhi der Selbst-Erfahrung». In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen die Bedeutung des Ausdrucks jishō zanmai und kritisiert in scharfen Worten das Verständnis von Meis­ter Dai-e Sōkō und seinen Schülern. Nach deren Verständnis beschreibt der Ausdruck jishō zanmai eine intellektuelle Erfahrung, die oft als «Erleuchtung» bezeichnet wird. Das Ziel der Anstrengungen im Bud­dha-Dhar­ma sei es, zu dieser Erleuchtung zu kommen. Meis­ter Dōgen schloss sich dieser Meinung nicht an und erklärt in diesem Kapitel die Bedeutung von jishō zanmai aus seiner Sicht.




76 • Dai shugyō 大修行 • Die große Praxis

Dai bedeutet «groß», shugyō «Praxis». Dai shugyō ist «die große Praxis» und bezieht sich auf die Praxis des Zazen und im weiteren Sinn auf das Leben eines Menschen, der seinen Alltag auf der Grundlage dieser Praxis lebt. Im chinesischen Buddhismus gibt es eine berühmte Geschichte über Meis­ter Hya­ku­jō Ekai und einen wilden Fuchs, in der es um die Beziehung zwischen der bud­dhis­tischen Praxis und dem Gesetz von Ursache und Wirkung geht. In der Geschichte wird diese Beziehung auf zwei Weisen erklärt, die im Widerspruch zueinander stehen. Nach der einen Erklärung fiele ein Mensch der großen Praxis dem Gesetz von Ursache und Wirkung nicht anheim und nach der anderen Erklärung unterläge er ihm doch. Für Meis­ter Dōgen kommt der Widerspruch zwischen den beiden Erklärungen durch das begriffliche Denken zustande, denn in der wirklichen Situation, das heißt in der Praxis selbst, gibt es keine solche Dualität. Die große Praxis ist der gegenwärtige Augenblick, und in diesem Augenblick lösen sich alle Erklärungen auf und es gibt nur die realen Ursachen und Wirkungen. Deshalb erklärt Meis­ter Dōgen in diesem Kapitel, dass ein Mensch der großen Praxis, der in der wirklichen Welt lebt und handelt, über alle Theorien von Ursache und Wirkung hinausgeht.

77 • Kokū 虚空 • Der leere Raum

Ko bedeutet «leer» oder «offen» und bedeutet «Luft», «Raum» oder «Leerheit». Hier bedeutet kokū «der leere Raum». Raum und Zeit sind seit alten Zeiten wichtige Themen der Religion, der Philosophie und der Wissenschaft. Auch im alten Indien wurde oft über die Natur des Raums und der Zeit gesprochen. Diese Tradition wurde nach China weitergetragen, und so gibt es viele Geschichten oder Kōan chinesischer Meis­ter, die sich auch mit dem Raum befassen. In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen, dass der Raum nicht der abstrakte Begriff des Raums oder der Leerheit ist, sondern der konkrete Raum, in dem wir hier und jetzt leben und den wir direkt erfahren können. Zu Anfang zitiert er ein Gespräch über den Raum, das zwischen Meis­ter Shakkyō Ezō und Meis­ter Seidō Chizō stattfand. Dann kommentiert Meis­ter Dōgen diese Geschichte und zitiert ein Gedicht seines eigenen Meis­ters, Tendō Nyojō, über den Raum. Zuletzt erläutert er ein Gespräch über den Raum zwischen Meis­ter Baso Dō-itsu und einem Meis­ter namens Seizan Ryō und die Worte des indischen Meis­ters Vasumitra.




78 • Hatsu-u 鉢盂 • Die Ess-Schalen

Hatsu ist die phonetische Wiedergabe des Sanskrit-Wortes patra und u bedeutet «Schale» oder «Schalen». In Indien nahmen die bud­dhis­tischen Mönche ihre Mahlzeiten aus einer großen Ess-Schale ein, die patra genannt wurde, und diese Tradition wurde nach China weitergegeben. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen die Bedeutung und den Wert der Ess-Schalen, die im Bud­dha-Dhar­ma ein sehr verehrtes Symbol bud­dhis­tischen Lebens sind.




79 • Ango 安居 • Das Sommer-Training

An bedeutet «still» und go «Verweilen». Ango, wörtl. «stilles Verweilen», bezieht sich auf eine Tradition aus der Zeit des Bud­dha. In Indien dauerte die Regenzeit ungefähr drei Monate, in denen der Bettelgang schwierig war und der Bud­dha und seine Schüler alljährlich ein festes Quartier aufsuchen mussten. In diesen drei Monaten kam der ganze San­gha zusammen und der Bud­dha hielt ein besonders intensives Zazen-Training ab. Dieses Training während der drei Monate der Regenzeit wurde in Indien mit dem Sanskrit-Wort varsika bezeichnet. Diese Tradition wurde dann nach China weitergegeben, wo Meis­ter Dōgen dieses intensive Training selbst erfahren hat. Er sah es als seine Mission an, diese Tradition auch nach Japan weiterzugeben.




80 • Tashintsū 佗心通 • Die Kraft, den Geist der anderen zu kennen

Ta bedeutet «andere» oder «die anderen», shin bedeutet «Geist». Tsū ist eine Kurzform für jinzū, das «übernatürliche Kraft» bedeutet. Tashintsū ist also «die Kraft, den Geist der anderen zu kennen». Manche bud­dhis­tische Schulen interpretieren den Ausdruck so, dass es für einen Praktizierenden möglich sei, übernatürliche Kräfte zu erlangen, die ihn befähigen, im Geist der anderen Menschen zu lesen. Meis­ter Dōgen schließt sich dieser Interpretation nicht an und zitiert diesbezüglich eine berühmte Geschichte aus dem alten China, in welcher der Lan­des­meis­ter Nan-yō Echū einen indischen Mönch namens Daini-Sanzō prüfte, ob er den Geist der anderen Menschen kennen könne. Die Geschichte wurde später zum Gegenstand vieler Diskussionen und Aussagen chinesischer Meis­ter. In diesem Kapitel kritisiert Meis­ter Dōgen die Interpretation von fünf ehrwürdigen Meis­tern und erklärt, warum ihre Aussagen nicht den Kern der Geschichte treffen. Auf diese Weise können wir Meis­ter Dōgens Sicht in Bezug auf die übernatürlichen Kräfte im Bud­dha-Dhar­ma erkennen.

81 • Ōsaku sendaba 王索仙陀婆 • Der König bittet um Sain­dha­va

Ō bedeutet «König», saku «Bitte» oder «Wunsch», und sendaba ist die phonetische Wiedergabe des Sanskrit-Wortes ›saindhava‹. Sain­dha­va bedeutet «die Produkte der Flussebene des Indus». Im Mahā-parinirvāṇa-sūtra gibt es eine Geschichte, in der die Komplexität und Vielschichtigkeit der wirklichen Welt durch die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes wie Sain­dha­va veranschaulicht wird. In dem Sūtra heißt es: «Wenn ein König seine Hände waschen will, bittet er um Sain­dha­va, und sein weiser Diener wird ihm Wasser bringen. Wenn der König eine Mahlzeit isst und um Sain­dha­va bittet, wird der Diener ihm Salz bringen. Wenn der König trinken will und um Sain­dha­va bittet, wird der Diener ihm ein Gefäß bringen. Und wenn der König den Palast verlassen will und um Sain­dha­va bittet, wird der Diener ihm ein Pferd bringen.» Die bud­dhis­tischen Mönche, die in China über die vielfältigen Bedeutungen von Worten und die vielschichtige Natur der Wirklichkeit sprachen, bezogen sich manchmal auf diese Geschichte. In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen die Bedeutung der Bitte des Königs um Sain­dha­va aus seiner Sicht.




82 • Jikuinmon 示庫院文 • Worte zur Beachtung in der Küchen-Halle

Ji bedeutet «bekannt machen» oder wie hier «beachten», kuin ist der Name der Küchen-Halle in einem bud­dhis­tischen Kloster, und mon bedeutet «Worte» oder «Sätze». Dieses Kapitel gehörte ursprünglich nicht zum Shō­bō­gen­zō. Es wurde erst 1690, als Meis­ter Han-gyō Kōzen die 95-Kapitel-Ausgabe des Shō­bō­gen­zō herausbrachte, hinzugefügt, wie auch im Fall der Kapitel Bendōwa und Jū-undō shiki. Für Meis­ter Dōgen war die Zubereitung der Mahlzeiten für den San­gha eines Klosters von höchster Bedeutung, und er erläuterte seine Sicht der Tätigkeiten in der Küche eingehend in dem Buch Tenzo kyōkun, «Anleitungen für den Küchenchef». Einer der Gründe, warum Meis­ter Dōgen dieses Buch schrieb und die Tätigkeit des Küchenchefs so hoch einschätzte, ist seinen Erfahrungen als junger Mönch in China zuzuschreiben. Gleich nach seiner Ankunft in China begegnete er einem alten Mönch, der eine große Befriedigung darin sah, Koch in einem Kloster zu sein, und ihm erklärte, dass Kochen bud­dhis­tische Praxis sei. Später begegnete Meis­ter Dōgen einem anderen alten Mönch, der trotz der Mittagshitze unermüdlich Pilze für die kommende Mahlzeit der Mönche trocknete, und Meis­ter Dōgen erkannte, wie wichtig das Kochen der Mahlzeiten für die Praktizierenden in einem Kloster ist. Deshalb war es ein Anliegen Meis­ter Dōgens, diese Tradition im Eihei-ji fortzuführen.




83 • Shukke 出家 • Haus und Familie verlassen

Im alten Indien war es üblich, dass diejenigen, die auf der Suche nach der Wahrheit waren, ihr Haus und ihre Familien verließen. Dieser Brauch wurde in den späteren bud­dhis­tischen Orden beibehalten. Gautama Bud­dha selbst verließ mit 29 Jahren seine Familie und begann sein Leben als Mönch. Deshalb wird in den bud­dhis­tischen Orden die Tradition sehr verehrt, dass die Menschen der Wahrheit ihr Haus und ihre Familien verlassen, um Mönch oder Nonne zu werden. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen diesen Brauch.




84 • Sanji no gō 三時業 • Karma in den drei Zeiten

San bedeutet «drei», ji bedeutet «Zeit», und steht für sanskr. karman, «Tat» oder «Handlung». Der Begriff «Karma» geht aber über Tat und Handlung hinaus und bedeutet, dass unsere heutigen Handlungen, aufgrund von Ursache und Wirkung, den Verlauf zukünftiger Ereignisse beeinflussen. Die Annahme, dass Karma eine unabhängig von uns existierende Energie sei, die den Verlauf unseres ganzen Lebens bestimmt, ist jedoch falsch. Wer schafft Karma? Wir selbst. Was immer wir denken, sagen, anstreben, tun oder unterlassen – wir schaffen Karma. Bei allem, was wir tun, entstehen Ursachen und Wirkungen. Deshalb schrieb Meis­ter Dōgen im Shō­bō­gen­zō das wichtige Kap. 89, Shinjin inga, «Tiefes Vertrauen in Ursache und Wirkung». Wenn wir Ursache und Wirkung richtig verstehen und wissen, dass die Auswirkungen unserer Handlungen unausweichlich sind, müssen wir auch Zweifel hegen, ob es zufällige Ereignisse gibt. Solche scheinbar zufälligen Ereignisse kommen jedoch im täglichen Leben immer wieder vor. Weil die Gründe für diese Ereignisse im Verborgenen liegen, lehrte der Bud­dha, dass die Auswirkungen aller Handlungen sich über drei Zeiten erstrecken können: Manchmal wirken sie sich sofort aus, manchmal nach einem kurzen und manchmal nach einem längeren Zeitraum. Mit dieser Lehre befasst sich Meis­ter Dōgen in diesem Kapitel.

85 • Shime 四馬 • Die vier Pferde

Shi bedeutet «vier» und me «Pferde», also bedeutet shime «die vier Pferde». In einer alten bud­dhis­tischen Schrift, dem Saṃyuktāgama-sūtra, steht eine Geschichte über vier Arten von Pferden: Pferde, welche die Absicht des Reiters erkennen, wenn sie nur die Peitsche sehen, Pferde, welche die Absicht des Reiters erkennen, wenn die Peitsche ihre Haut berührt, Pferde, welche die Absicht des Reiters erkennen, wenn die Peitsche ihr Fleisch berührt und Pferde, welche die Absicht des Reiters erst dann erkennen, wenn die Peitsche bis zu ihren Knochen eindringt. Die Unterschiede zwischen diesen vier Pferden werden oft als Metapher verwendet, um die verschiedenen Ebenen intuitiver Weisheit der Schüler auf dem Bud­dha-Weg zu veranschaulichen. Den Bud­dha-Weg zu erlernen bedeutet nicht nur, die Lehre verstandesmäßig aufzunehmen, es geht vielmehr darum, die Worte und das konkrete Handeln des Lehrers intuitiv zu erfassen. Dies erklärt Meis­ter Dōgen in diesem Kapitel anhand der Metapher der vier Pferde.




86 • Shukke kudoku 出家功徳 • Das Verdienst der Hauslosigkeit

Shutsu bedeutet «weggehen», «verlassen» oder «darüber hinausgehen». Ke ist «das Haus» oder «die Familie», und kudoku bedeutet «Verdienst». So bedeutet Shukke kudoku «das Verdienst der Hauslosigkeit», das heißt das Verdienst derer, die ihr Haus und ihre Familien verlassen, um Mönch oder Nonne zu werden. In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen sehr nachdrücklich und anhand vieler Zitate aus den Sūtren, welch hohes Verdienst im Bud­dha-Dhar­ma darin besteht, seine Familie zu verlassen und in die Hauslosigkeit zu gehen. Die meisten von uns wachsen in einer Familie auf, und der Einfluss unserer Familie ist im Allgemeinen stärker, als wir glauben. Im Bud­dha-Dhar­ma geht es darum, die Wahrheit oder die Wirklichkeit zu erkennen. Um dahin zu gelangen, ist es absolut notwendig, über die Gewohnheiten und Muster, die wir unter dem Einfluss unserer Familien angenommen haben, hinauszugehen, denn sie halten uns sehr leicht davon ab, die Wirklichkeit klar zu sehen. Deshalb wird die Tradition und das Verdienst der Hauslosigkeit im Bud­dha-Dhar­ma so hochgehalten, wie Meis­ter Dōgen es in diesem Kapitel überzeugend darlegt.




87 • Kuyō shobutsu 供養諸仏 • Den Bud­dhas Gaben darbringen

Kuyō ist «Gaben darbringen», shobutsu bedeutet «Bud­dhas», und so bedeutet kuyō shobutsu «den Bud­dhas Gaben darbringen». Im Bud­dha-Dhar­ma gibt es eine Tradition der Gläubigen, den Bud­dhas, das heißt den Menschen, die die Wahrheit verwirklicht haben, Gaben der Verehrung darzubringen. Für Buddhisten ist es daher ganz natürlich, den Bud­dhas Gaben darzubringen. Vom rein spirituellen Standpunkt aus gesehen mögen manche es nicht als notwendig ansehen, den Bud­dhas materielle Gaben darzubringen, denn sie halten die religiöse Verehrung für genug. Aber der Bud­dha-Dhar­ma ist eine Religion der Wirklichkeit, in der das konkrete Tun und Handeln eines Menschen geschätzt und verehrt wird, deshalb wird dem Darbringen materieller Gaben und Geschenke für die Bud­dhas eine große Bedeutung beigemessen; es zeigt das aufrichtige Vertrauen eines Menschen in die Praxis und Lehre des Bud­dha, ganz gleich, wie klein oder groß die Gabe ist. In diesem Kapitel erklärt Meis­ter Dōgen, dass das Verdienst in der Handlung des Darbringens selbst liegt.




88 • Ki-e sanbō 帰依三宝 • Zufluchtnahme zu den drei Juwelen

Ki-e bedeutet «Verehrung» oder «Zufluchtnahme». Sanbō sind «die drei Juwelen», das heißt Bud­dha, Dhar­ma und San­gha. «Bud­dha» bezeichnet den historischen Gautama Bud­dha und gleichzeitig die Menschen, die Gautama Bud­dhas Wahrheit verwirklicht haben. «Dhar­ma» bedeutet «Bud­dhas Lehre», «die Wirklichkeit», «das universelle Gesetz» usw. «San­gha» ist die große bud­dhis­tische Gemeinschaft der Praktizierenden, die seit Bud­dhas Lebzeiten aus Mönchen, Nonnen und männlichen und weiblichen Laien besteht. Die drei Juwelen sind von unermesslichem Wert im Bud­dha-Dhar­ma. Meis­ter Dōgen erklärt in diesem Kapitel, wie wichtig es ist, den drei Juwelen unsere Verehrung zu erweisen, indem wir Zuflucht zu ihnen nehmen. Er sagt: Die Zuflucht zu den drei Juwelen steht am Anfang und am Ende des Bud­dha-Weges.

89 • Shinjin inga 深信因果 • Tiefes Vertrauen in Ursache und Wirkung

Das erste shin bedeutet «tief» und das zweite (in der Kombination jin ausgesprochen) bedeutet «Vertrauen». In ist «Ursache» oder «Ursachen» und ka (in der Kombination ga ausgesprochen) bedeutet «Wirkung» oder «Wirkungen». So bedeutet shinjin in-ga «tiefes Vertrauen in Ursache und Wirkung». Zweifellos vertrauen wir im Bud­dha-Dhar­ma vollkommen dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Dennoch hat es immer wieder Anhänger des Mahāyāna-Buddhismus gegeben, die der Meinung waren, dass die Theorie von Ursache und Wirkung zur alten Lehre, dem Hīnayāna-Buddhismus gehöre, und dass Mahāyāna-Buddhisten in der Lage seien, über dieses Gesetz hinauszugehen. Eine solche Sicht ist jedoch abwegig. In diesem Kapitel betont Meis­ter Dōgen ausdrücklich, dass es für das Verständnis des Bud­dha-Dhar­mas unabdingbar ist, Klarheit über das Gesetz von Ursache und Wirkung zu erlangen. Im chinesischen Zen gibt es eine berühmte Geschichte über einen bud­dhis­tischen Priester, der in den Körper eines wilden Fuchses zurückfiel, weil er das Gesetz von Ursache und Wirkung leugnete, und der später durch die Worte Meis­ter Hya­ku­jōs befreit wurde. Für viele Schüler des Bud­dha-Dhar­mas veranschaulicht diese Geschichte, dass es möglich ist, dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu entgehen. Aber Meis­ter Dōgen deckt ihre Irrtümer auf und bekräftigt damit die authentische Bud­dha-Lehre vom tiefen Vertrauen in Ursache und Wirkung.




90 • Shizen biku 四禅比丘 • Der Mönch in der vierten Vertiefung

Shi bedeutet «vier». Zen ist sanskr. dhyāna, «Zazen» oder «der Zustand beim Zazen». In den Sūtren des frühen Buddhismus werden bei der Meditation vier Stufen der Vertiefung (in Pāli: jhānas) beschrieben, und shizen ist «die vierte Vertiefung» oder auch «das vierte Jhāna». Biku ist die phonetische Transkription von sanskr. bhikṣu und bedeutet «Mönch». Shizen biku oder «der Mönch in der vierten Vertiefung» bezieht sich auf die Geschichte eines Mönchs, der dem Irrtum unterlag, die vierte Vertiefung für die vierte und höchste Wirkung im Bud­dha-Dhar­ma zu halten, die nur ein Heiliger, ein Arhat, erlangen kann. Als der Mönch im Sterben lag, hatte er eine Vision, die nicht der vierten und höchsten Wirkung eines Arhats entsprach, und er dachte, der Bud­dha habe ihn getäuscht. Wegen dieses Vergehens kam er in die Hölle. Meis­ter Dōgen zitiert diese und ähnliche Geschichten als Beispiele für Selbsttäuschungen der Praktizierenden in Bezug auf ihre Entwicklung. Zugleich warnt Meis­ter Dōgen in diesem Kapitel sehr eindringlich davor zu glauben, Kongzi, Laozi und der Bud­dha hätten das Gleiche gelehrt.




91 • Yuibutsu yobutsu 唯仏与仏 • Nur die Bud­dhas zusammen mit den Bud­dhas

Yui bedeutet «nur» oder «einzig», butsu ist «Bud­dha» oder «die Bud­dhas», und yo bedeutet «zusammen mit». So bedeutet yuibutsu yobutsu «nur die Bud­dhas zusammen mit den Bud­dhas». Der Ausdruck yuibutsu yobutsu entstammt dem Lotos-Sūtra, in dem es heißt: «Nur die Bud­dhas zusammen mit den Bud­dhas können die wirkliche Form aller Dhar­mas unmittelbar und vollständig ergründen.» In diesem Kapitel erläutert Meis­ter Dōgen sehr eingehend, was ein Bud­dha ist und wie ein Bud­dha handelt.




92 • Shōji 生死 • Leben und Tod

Shō bedeutet «Leben», «Geburt» oder «Geborenwerden», und ji «Tod», «Sterben» oder «Vergehen». So übersetzen wir shōji mit «Leben und Tod». Obwohl es die Worte «Leben und Tod» oder «Geborenwerden und Sterben» in allen Sprachen gibt, ist doch kein Mensch in der Lage wirklich zu verstehen, was diese Worte im täglichen Leben bedeuten. Nach Meis­ter Dōgen existieren Leben und Tod jeweils im gegenwärtigen Augenblick. Anders ausgedrückt: Wir leben und sterben in jedem Augenblick. Nur weil wir das nicht erkennen können, hängen wir am Leben und fürchten den Tod. In diesem Kapitel lehrt Meis­ter Dōgen, nicht aus dem Alltag oder der Augenblicklichkeit von Leben und Tod zu fliehen, denn so wie sie sind, sind sie das Nir­vā­ṇa oder das verehrungswürdige Leben eines Bud­dhas.

93 • Dōshin 道心 • Der Wille zur Wahrheit

Dōshin steht für sanskr. bo­dhicitta. bedeutet «Weg» oder «Erwachen» und steht für sanskr. bo­dhi. Shin bedeutet «Geist», «Bewusstsein» oder «Wille». In diesem Kapitel lehrt Meis­ter Dōgen, was der Geist des Erwachens oder der Wille zur Wahrheit ist, nämlich die drei Juwelen – Bud­dha, Dhar­ma und San­gha – zu verehren, Bud­dha-Bildnisse herzustellen, das Lotos-Sūtra abzuschreiben und Zazen zu praktizieren. Dieses Kapitel ist sehr direkt und konkret, und so gehen einige bud­dhis­tische Gelehrte davon aus, dass Meis­ter Dōgen es für Laien dargelegt hat.




94 • Jukai 受戒 • Die Gebote empfangen

Ju bedeutet «empfangen» und die kai sind «die bud­dhis­tischen Gebote». So bedeutet jukai «die Gebote empfangen». Die Gebote zu empfangen ist der traditionelle Weg, um in einen San­gha oder einen bud­dhis­tischen Orden einzutreten. Dies geschieht im Rahmen einer schlichten Zeremonie, die ein Zeichen setzt und dem Eintritt in das Leben als Buddhist Bedeutung verleiht. Meis­ter Dōgen sah diese Handlung als einen wesentlichen Schritt zur Bud­dhaschaft an. Er erläutert in diesem Kapitel den Wert des Empfangens der Gebote und beschreibt die Zeremonie, in der die sechzehn Bo­dhi­sattva-Gebote des Mahāyāna empfangen werden.




95 • Hachidainingaku 八大人覚 • Die acht Wahrheiten eines großen Menschen

Hachi ist die Zahl «acht». Dainin bedeutet «ein großer Mensch», das heißt ein Erwachter oder ein Bud­dha. Kaku, das hier gaku ausgesprochen wird, steht für das Sansk­rit-Wort bo­dhi, das «Erwachen» oder «Wahrheit» bedeutet. Die Lehrrede über die acht Wahrheiten eines großen Menschen war die letzte, die Gautama Bud­dha in der Nacht vor seinem Eintritt ins Parinirvāṇa gehalten hat, und sie ist im Yuikyōgyō, dem «Sūtra der hinterlassenen Lehren», aufgezeichnet. Meis­ter Dōgen lehrte dieses Kapitel, als er fühlte, dass sein Tod nah war, und so war dieses Kapitel auch für ihn seine letzte Unterweisung. Dieses Kapitel ist das letzte in der 95-Kapitel-Ausgabe des Shō­bō­gen­zō.




Anhang 1 • Die Ausgaben des Shōbōgenzō

Anhang 2 • Butsu kōjō no ji 仏向上事 • Der Bereich jenseits von Bud­dha

Der Ausdruck butsu kōjō no ji, wörtl. «die Sache, die über Buddha hinausgeht», veranschaulicht die Tatsache, dass die buddhistischen Meister, nachdem sie die Wahrheit verwirklicht haben, ihr Alltagsleben weiterführen, so wie sie es vorher getan haben. Sie erlangen keinen speziellen Zustand, «Erleuchtung» genannt, und sind nicht grundsätzlich anders, als sie vorher waren. Das folgende Kapitel ist ein undatiertes Manuskript von Meister Dōgen und gleichzeitig das erste Kapitel der 28-Kapitel-Ausgabe, des so genannten «geheimen Shōbōgenzō». Wenn wir dieses Kapitel mit dem Kapitel 28 in der vorliegenden Ausgabe vergleichen, stellen wir fest, dass Letzteres viele Geschichten buddhistischer Meister in China enthält, während das hier Folgende eine sehr umfassende philosophische Darlegung von butsu kōjō no ji ist. Es ist wichtig, sich mit diesem Kapitel zu befassen, da Meister Dōgen darin sehr eingehend erläutert, was unter butsu kōjō no ji zu verstehen ist.




Anhang 3 • Ippyakuhachi hōmyōmon 一百八法明門 • Die einhundertacht Tore der Dhar­ma-Klarheit

Ippyakuhachi bedeutet «einhundertacht». steht für sanskr. dharma, «Buddhas Lehren» oder «das ganze Universum». Myō bedeutet «Klarheit», mon «das Tor». So bedeutet ippyakuhachi hōmyōmon «die einhundertacht Tore der Dharma-Klarheit». Als Meister Dōgen dieses Kapitel zusammenstellte, zitierte er zwei lange Passagen aus einem Sūtra namens Butsu hongyō jikkyō, das von Śākyamuni Buddhas früheren Leben handelt. Dieses Kapitel ist das elfte der 12-Kapitel-Ausgabe des Shōbōgenzō, aber es ist weder in der 95-Kapitel- noch in der 75-Kapitel-Ausgabe zu finden.